Im Strom der Jahrhunderte
Junkersdorf im Strom der Jahrhunderte
Von Hans Clemens
In der Alltagshetze unserer Zeit ist der Blick auf das Heute gerichtet. Die Beziehung zum Vergangenen, das Bewusstsein des Geschichtlichen, die Verbindung zu den nachwirkenden Kräften, die ein Dorf, eine Gemeinde, einen Kreis und schließlich ein Vaterland schufen, drohen immer mehr in der Reizüberflutung durch die modernen Massenmedien in den Hintergrund zu geraten. Wer aber mit dem geschichtlichen Werden seiner Heimat vertraut ist, lebt bewusster, vermag die Gegenwart besser zu verstehen und hat einen Maßstab für fremde Länder. Echte Heimatverbundenheit hat nichts gemein mit irgendeiner Engigkeit des Horizonts , mit Lokal-patriotismus und Kirchturmpolitik. Das Kleine ist in das Große verwoben, und die bedingen einander auf so vielfältige Weise, daß kein Forschen je zu Ende kommt, sondern zuletzt in Achtung und Dankbarkeit vor dem lebendig Gewordenen verharrt. Diese Achtung und Dankbarkeit kristallisieren sich dann gleichsam an der Reihe jener Einzelpersönlichkeiten, die mit ihrer Lebensleistung, ihrem Einsatz und ihrer Sorge für die Gemeinschaft, für ihre engere und weitere Heimat sich selbst ihre Marksteine gesetzt haben. Die Jahrhunderte spiegeln sich in der Geschichte eines Dorfes, einer Gemeinde. Die alten Mauern, ein Wegkreuz, ein Wappen, oder die Inschrift an einem Haus sind keine stummen Zeugen einer vergangenen Zeit.
Sie können die Stimmen derer, die vor uns waren, vernehmlich werden lassen.
Im Leben des Menschen gibt es bestimmte Ereignisse, mal froher, mal wehmütiger Natur, die seine Gedanken und Betrachtungen in die Vergangenheit führen. Sei es die goldene Hochzeit, der siebzigste Geburtstag, das Arbeits- oder Dienstjubiläum, der Tod der Gattin und Mutter oder des geliebten Kindes. Das lässt sich auf die Gemeinschaft übertragen. Die Jahrtausendfeier eines Ortes ist zweifellos ein freudiges wie auch ein seltenes Ereignis und sicherlich ein echter Anlaß zur Rückschau in die Jahrhunderte. Tausend Jahre Junkersdorf! Das steht schwarz auf weis geschrieben in einer Urkunde des Jahres 962. Der Ort als Stätte mensch-licher Gemeinschaft ist zwar wesentlich älter und führt in seinen Ursprüngen auf die erste nachchristliche Zeit zurück. Auch hierfür besitzen wir Dokumentationen und lebendig gebliebene Spuren der Vergangenheit. Der Fronhof soll seine Entstehung einer Schenkung der römischen Kaiserin Helena aus dem Jahre 345 verdanken. Helena war die Mutter Constantins des Großen, der die Christianisierung am Rhein begünstigte. Der Gedanke, die Entstehung des Fonhofes mit der Kaiserein Helena in Verbindung zu bringen, dürfte nicht so abwegig sein, zumal sich im alten Kircheninventar eine Barockstatue der heiligen Helena befand. Besondere Beweis-Vermögen besitzen gewiß die Bodenfunde. Es ist bekannt, daß hohe Beamte der „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ vor den Stadttoren ihre Landvillen erbauen lie0en, ebenso wie römische Großgrundbesitzer weiträumige und prachtvolle Gutshöfe errichteten. Wie ein solcher Gutshof auf altem Junkersdorfer Boden aussah, wissen wir durch die Ausgrabungen auf der Jahnwiese im heutigen Kölner Sportpark, der unter der Leitung von Dr.Fritz Fremersdorf im Jahre 1926 die Reste eines weitläufigen Besitzes freilegten. Das Hauptgebäude, das große Herrenhaus, war ein langgestrecktes Rechteck von 50 Metern Länge und 27 Metern Breite. Es umfaßte 30 Räume. Um das Herrenhaus gruppierten sich elf landwirtschaftliche Nebenräume, das Ganze von einer Umfassungsmauer eingeschlossen. Bezeichnenderweise lag das Gut nicht direkt an der Straße, sondern einige 100 Meter abseits auch noch des alten Junkersdorfer Weges, der eine römische Straße zweiten Ranges gewesen sein muß.
Bei zwei Sarkophagen ist ein silberner Löffel gefunden worden, in dessen Innenseite die in Schwefelsilber eingelegte Innschrift DEO GRATIAS steht, was nach Auffassung von Fremersdorf auch für ein frühes Christentum in Köln und seiner Umgebung spricht. Ein römisches Brandgrab wurde in der Nähe des alten Friedhofs gefunden. Ferner wurden römische Siedlungsreste und Gräber auf dem Gebiete der Ziegelei Grothe freigelegt. Die fränkische Zeit ist durch ein Gräberfelde am Kornblumenweg belegt. Das Alte stürzte! Neue Zeiten, neue Fürsten, neue Kriege, neues Leben! Die Kraftquellen des heimatlichen Bodens blieben erhalten und trotzten den Wirrnissen und Ereignisse der Jahrhunderte, die nicht immer sehr friedvoll verliefen. Bevor wir nun nach einer Chronologie die wichtigsten geschichtlichen Tatbestände und Ereignisse einfangen, die seit dem Jahre 962 Junkersdorf prägten und gestalteten, wollen wir bei zwei bedeutungsvollen Signen kurz verweilen, - Namen und Wappen.
Gunteresthorp
Von der Ortsbezeichnung „Gunteresthorp“ bis zur der heutigen Schreibweise Junkersdorf war die Namensbezeichnung mehrfachen Wandlungen unterworfen, die sich nicht zuletzt aus der Sprachentwicklung in den einzelnen Jahrhunderten erklären. Im geschichtlichen Zusammenhang bietet sich fast von selbst die Frage nach der Entstehung des Ortsnamens an. Eine schlüssige Antwort kann darauf noch nicht gegeben werden. Man leitet den Namen davon ab, daß in alter Zeit in Junkersdorf sieben Junker gewohnt hätten, so das hier also das „Dorf der Junker“ war. Man kann auch in der Aufzählung auf sieben Rittersitze kommen und zwar Steinrutsch, Fronhof, Schallerhof, Sterrenhof, Gertrudenhof, Lammerzhof und Jüddenhof. Aber das ist kein überzeugender Beweis für die Namensführung und muß in den Bereich der Sagen verwiesen werden. Die Beziehung des Ortes zum Bischof Gunthar, der im Jahre 850 den Kölner Stuhl bestieg, dürfte für die Namensgebung schon mehr für sich haben.
Der Bischof wurde von Papst Nikolaus I. auf einer römischen Synode 863 exkommuniziert und abgesetzt, weil er bei der Nichtigkeitserklärung der Ehe von Lothar II. ganz das Werkzeug seines Herrn war. Im Jahre 866 führte Gunthar wieder mit Zustimmung Lothars die Verwaltung des Bistums, ohne jedoch bischöfliche Funktionen auszuüben. Ebenfalls übertrug Gunthar mit Zustimmung Lothars einer Anzahl Kölner Stifter die selbstständige Verwaltung ihres Eigenvermögens. Es kann daher angenommen werden, daß er nach der normannischen Verwüstung des Rheinlandes als politischer Ober- oder Teilherr von Junkersdorf als vorrangig Interessierter für den Wiederaufbau der dortigen Herrenhöfe und Hausmannshäuser eingesetzt hat. Aber auch das bleibt immer nur eine Vermutung, die zwar den Vorteil hat, in historische Zusammenhänge hinein zu passen. Vielleicht gelingt es eines Tages einem Wissenschaftler, die genaue Herkunft des Ortsnamens zu ergründen.
Das Schöffensiegel
Wappen und Siegel bekunden in ihrer Gestaltung historische Vergangenheit und überlieferte Geschichte und Tradition. Sie weisen hin auf Ausdrucksformen des religiösen, obrigkeitlichen und kulturellen Lebens , die in ihren wechselseitigen Bezie-hungen zueinander gesehen werden müssen. Erst dann wird man das rechte Verhältnis zu der symbolhaften Sprache erlangen, die Wappen und Siegel uns verkünden. Die Junkersdorfer Schöffen führten bereits im Jahre 1489 ein Gerichtssiegel. Es stellte den heiligen Gereon dar, der in seiner Rechten das wallende Banner und in der Linken das Wappen-schild hält. Links neben ihm steht der heilige Einsiedler Antonius, eine Glocke und den Kreuzstab tragend. In das Siegel reicht das Antoniterkreuz herein. Die geschichtliche Deutung geht davon aus, daß das Kölner Stift St. Gereon in Junkersdorf den Fronhof mit Patronat und Gerichtsbarkeit in seinem Bezirk besaß, während der Statthalterhof im Besitze der Kölner Antoniter war. Das bedeutungsvollere und weitaus am meisten begüterte Stift St. Gereon stellte somit die Antoniter unter seinen Schutz.
Dieser Aufsatz wurde der Festschrift "1000 Jahre Junkersdorf" mit freundlicher Genehmigung der Ritterbach Verlag GmbH, 50226 Frechen, entnommen.